TEIL 1 – die Einleitung oder „Du bist Deutschland“
Kapitel 1.1
Wer suchet, der findet. So lautet ein altes deutsches Sprichwort. Denken wir etwas über dieses Sprichwort nach. Lassen wir uns fallen und leisten diesem Sprichwort folge. Erfüllen wir entsprechend der Aussagenlogik bei vorliegender Antezedens („Suche“ = wahr) die verbleibende Konsequenz (oder wie es ein relative bekannter Logikprofessor aus Dresden stets formulierte: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“). Folgen wir dem kleinen sprechenden Pinguin in unsere vereiste Gedankenhöhle – So lasset uns denn finden.
Wer nun bereits fündig geworden ist, hat mir schon zu dieser Zeit einiges voraus. Denn wonach ich suchen soll, darüber habe ich noch nicht einmal nachgedacht. Dabei macht uns das Fernsehen, stellvertretend für andere Medien, wie z.B. das Radio oder die allseits beliebte Bild, beinahe täglich vor, dass man nicht nur suchen kann (im Sinne des Freiwilligen, der ungezwungenen Suche), sondern vielmehr sich auf die Such begeben muss (im Sinne des Sprichwortes „Wer rastet, der rostet“), um wohl einem sonst sinnentleerten Dasein zu entfliehen. Die stetige Such in der omnipräsenten Flimmerkiste, scheint ähnlich dem in sich verschlungenen Möbiusband zu sein, denn sollte sich das Sammelbecken der zu suchenden Probleme, Antworten, Fragen, Objekte, usw. einmal erschöpfen, so fängt man mit bereits Gesuchtem erneut an – in wohliger Gewissheit des wiederkehrenden Erfolgserlebnisses. Diesem einfachen Modell folgend, befindet sich Allemage (vielmehr die gesamte westliche Welt inklusive vieler aufstrebender nicht westlicher Gesellschaften und anderer Gemeinschaften, die sich meinem Aufmerksamkeitshorizont entziehen), seit mehr als fünf Jahren auf der scheinbar endlosen Suche nach … dem nächsten deutschen Superstar, dem nächsten deutschen Topmodell, dem nächsten deutschen Popstar, der nächsten deutschen Medienhure (Big Brother), dem nächsten C-Prominenten der Tanzen kann, dem nächsten C-Prominenten der Eislaufen kann, den erfolgreichsten Hits der 70er/ 80er/ 90er, …, dem nächsten deutschen C-Prominenz Topmodell das eislaufend die schönsten Liebeslieder des 29. Februar 2004 rückwärts singen kann. Entsprechend der Gesetze der Mengenlehre lassen sich aus den oben genannten Objekten, die wohl jeder Deutsche auf die eine oder andere Weise sucht (ob er will oder nicht) , per Potenzmengenkonstruktion beliebige neue TV-Quotenhits herstellen. In Erkenntnis dieser einfachen Formel, präsentiert sich das tägliche Fernsehmenü als eher verwässerte Tagessuppe schlichten Rezepts, die man nur allzu oft kalt genießen darf. Einzig die Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob man denn immer suchen muss, blieb bisher eher unbeachtet und dementsprechend unbeantwortet – auch wenn diese Frage einen inneren Widerspruch offenbart. Dessen ungeachtet schreiten wir fort auf dem Weg, der unsere kleine Geschichte symbolisieren soll.
Lassen wir uns also auf den wöchentlichen Frauentausch (Frau sucht Ersatzfamilie oder Mann sucht Ersatzfrau) ein und hoffen, dass die Supernanny der einsamen älteren Dame eine Familie verschaffen kann (Frau oder Mann sucht Familie, Zuneigung, Existenzbestätigung, usw.), der diese dann ihre Renteneuros darbietet. Denn wie wohl jeder von uns weiß, ist Liebe gleichzusetzen mit Geld geben. Also bitte liebe Pensionäre, die ihr scheinbar einsam euren dritten Frühling fristet (bitte nicht auf Leute beziehen, die wirklich vereinsamen), wendet euch an RTL2. Die deutsche Institution, die es wie keine zweite versteht mit einem „vielschichtigen Programm“ alle die Menschen zu berühren, die auf der Suche nach Geschichten über das Alltägliche Leben oder den ganz besonderen Moment sind (siehe RTL2 Internetpräsenz). Hat Opa oder Oma dann erstmal eine Hartz4 Familie gefunden, die dem Umsorgen nicht mehr entschwinden kann, muss er oder sie meist sehr schnell feststellen, dass es „damals in der guten alten Zeit“ einfach nur viel besser war. Die Buben standen kerzengerade - so wie es sich schließlich gehört – an der Flugabwehrkanone. Die Mädchen bereiteten sich entsprechend des Eva Hermanschen Familienbildes vor, gesundes und kräftiges Leben zu schenken. Einige Mädchen machen dies heute ebenfalls, nur leider entstammt in den meisten Fällen das Leben, dass sie schenken werden nicht einer gemeinsamen Zukunftsidee von Mutter und Vater, sondern einer Laune des Fleisches, die teilweise durch die vielerorts beliebten Flatrate Sauforgien (preisbewusst in jeder Lebenslage und da beschwere man sich über fehlende ökonomische Kenntnisse unserer Jugend) entschuldbar wird.
Das ideologisch motivierte Geburten- und Geisteskontrolle in Deutschland nicht „besonders gut“ funktioniert hat, wissen wir wohl alle (sei es nun aus direkter Erfahrung oder indirekt durch Erzählung oder frontalen Unterricht). Ob dies im Land des Lächelns auch so sein wird, dass kann nur die Zukunft zeigen – werden unsere chinesischen Freunde doch seit geraumer Zeit auf das Glück der Ein-Kind-Familie gleichgeschaltet. Lassen wir uns dies auf der Zunge zergehen und schwelgen kollektiv im deutschen 1.2 Kind-pro-Frau-Himmel. Wow, wir sind so Future! Noch frühzeitig genug werden wir informiert durch unsere Freunde von den RTL2/Pro7/RTL/… News, dass die Zukunftselite das Wunder der Kopie überwunden hat und bereit ist für die wirkliche Übernahme. Vielleicht verpassen wir diese Nachricht aber auch, weil der deutsche Geheimdienst nicht mehr fähig sein wird, die Spionageakte des östlichen Freundes zu entlarven. Ganz so schwarz sollten wir natürlich nicht sehen, werden doch wenigstens die T-Shirts in Zukunft preiswerter (man erinnere sich an die entfallenen Ausfuhrbeschränkungen). Ob dies für andere Güter, wie z.B. Energie, Nahrungsmittel, Luxusartikel usw. gilt, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln denn die Versorgung mit Gütern, die der erstarkenden Mittelschicht des Reiches der Mitte notwendig erscheinen, ist momentan eher sub-optimal. Aber kehren wir zurück zu der Nachrichtenberichterstattung und der schier endlosen Suche auf die wir uns begeben haben…. Wer Sendungen wie „RTL2 News“ oder „Pro7 News Time“ kennt, weiß, dass nicht überall wo News drauf stehen, Nachrichten drin sind. Für Personen mit dem noch seichteren Gemüt dient „Mein neues Leben XXL – Jaqueline aus Köln Kalk wird Würstchenverkäuferin in Shanghai“ als ausreichende Informationsquelle. Für diese Art der Information spricht die allgegenwärtige Informationsflut, vor der man sich ab und an schützen sollte und eine Erkenntnis aus der Forschung, welche bestätigt hat, dass Fakten, die mit Bildern angereichert werden, länger in Erinnerung bleiben als der trockene Fakt allein (auf zur Symbolmethode, um Begriffe zu lernen).
Doch wenden wir uns wieder Jaqueline aus Köln Kalk zu. Erneut finden wir eine scheinbar rastlose Person vor, die sich auf eine Suche begeben hat. Eine Person, wie es viele in Deutschland gibt. Stellvertretend für all die anderen habe ich die freie Variable „Harry“ eingeführt. Harry zeichnet sich durch viele allzu menschliche Eigenschaften aus – darunter auch die deutschen Tugenden …. Zurückhaltung („Ich bin der einzige der dieses oder jenes machen kann!“), Fleiß (Warum soll ich arbeiten gehen, wenn ich zuhause dasselbe Geld bekomme?“), Pünktlichkeit („Nein! 8 Uhr Arbeitsbeginn ist mir zu früh. Ich brauche meinen Gesundheitsschlaf!“), …. Und weil Harry wie ein leuchtender Stern über Deutschlands Firmament steht, und er sich als einziger leuchtender Stern vollkommen unverstanden und allein gelassen fühlt (RTL2 oder viele andere Bildungsbeauftragte können schließlich nicht alle Probleme lösen), hat Harry die einzig vernünftige Idee – er beschließt auszuwandern! Mit zahlreichen Talenten und einer großen Portion Entrepreneurgeist gesegnet, entscheidet sich Harry eines der beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen zu missionieren. Harry bringt also gleich dem Prometheus das Feuer den Menschen in Spanien. Tja, auch Spanien hat das Zeitalter der Inquisition mittlerweile hinter sich gelassen (hier kam mitunter reichlich Feuer zum Einsatz) und so muss etwas Einzigartiges her, damit unser Harry aus Bottrop nicht wie eine Sternschnuppe verglüht, sondern weiterhin so erhaben strahlen kann, wie er es in „Uschis Eck“ in Bottrop täglich tat.
Also reibt Harry seinen rechten Zeigefinger unterhalb seiner Nase – von rechts nach links, vorbei an den zwei erhabenen behaarten Nasenlöchern. Personen, die mit dem Jugendprogramm des ZDF vertraut sind, wissen, dass dies die markanteste Geste des liebenswerten Wikingerjünglings Wiki ist. Ebenso wissen sie, dass das Beenden dieser Fingerbewegung in der Entstehung einer fabelhaften Idee kulminiert. Eine Idee reich an Witz und Freigeist, so dass Wikis Vater, der Wikingerhäuptling Halvar, seinen Sohn auf Reisen ständig an seiner Seite wissen muss, half Wiki doch Halvar und seinen Mannen mehr als nur einmal aus drohender Not. Eben diese Geste führte auch bei unserem Harry zu einer grandiosen Idee. Er, der nur allzu gern spanische Tapas isst, will diese (Vor)Speise der Götter (Kleinigkeiten, wie z.B. Oliven, Schinken oder Tomaten die meist mit dem Finger gegessen werden) nach Spanien bringen. Wohlmöglich fragt sich der Leser dieser Zeilen: „Ist dies nicht so, als eröffnete man eine Pizzeria in Napoli?“. Auf diese Frage kann ich leider keine Antwort geben, hatte doch unser Harry, Harry aus Bottrop, seine absolut schlüssige Geschäftsidee genau durchdacht, einen viele Seiten starken Businessplan ersonnen und ausreichend liquide Mittel bereitgestellt (z.B. in kostbaren Pfanddosen und weitere Rohstoffzertifikate). Eigentlich konnte Harrys Plan nur von Erfolg gekrönt sein – alle Weichen waren auf Erfolg gestellt, die Götter schienen ihm wohlgesonnen.
So pflanzte Harry seine junge kostbare Idee in den leicht trockenen und dementsprechend harten spanischen Gründerboden. Er kannte Spanien bereits von zahlreichen Geschäftsreisen. Einige seiner Arbeitskollegen und er firmierten oft unter dem Decknamen „Kegelclub Bottrop 1980 e.V.“ in Hotels und anderen Örtlichkeiten auf Mallorcas Geschäftsstraße Nummer 1 dem „Balnearo 6“. Unter der spanischen Sonne ließen sich Geschäfte einfach viel zügiger vollziehen. Nur wie die spanische Perle sich im nun darbot, so hatte er sein „Malle“, wie er Mallorca liebevoll nannte, nicht in Erinnerung – nüchtern, trocken, ernst, ihm so fremd. Was war geschehen? Wohin war sie gegangen, die gute Laune, der Spaß, das Herz, sein Leben? Er hatte doch eine bestechend scharfsinnige Geschäftsidee gehabt, die Spanier und Touristen hatten sich scheinbar verzehrt nach einer Idee, wie der seinen. Warum funktionierte die Erfolgsmaschine nicht, was hatte sie zum Stillstand gebracht, wo war das Sandkorn im Getriebe? Nach kurzer Zeit des Überlegens hatte er den Verantwortlichen seiner Misere gefunden, den Grund für seinen Misserfolg ausfindig gemacht. Scharf wie ein Messer bahnte sich der Gedanke durch sein Hirn – man verhinderte absichtlich seinen Triumphzug durch die Welt des spanischen Vorspeisetellers. Er hatte gleich Servantes „Don Quichote“ gegen die spanischen Mühlen der Bürokratie gekämpft. Wer konnte denn wissen, dass auf Mallorca kein lupenreines Bottrop Hochdeutsch gesprochen wird. Wahrhaftig alles hatte Harry versucht, um das drohende Unheil abzuwenden denn nicht er sah sich als Verlierer, sondern ganz klar umrissen standen die Touristen und spanischen Inselbewohner im Gewand der Benachteiligung vor ihm. Eine Schande, dass diese Menschen keine bereichernde Gaumenerfahrung machen durften. Gekämpft hatte er, wie eine Löwenmutter für ihre Jungen, die den Wildjäger in weiter Ferne, ihre Jungen ins Visier nehmen sieht. Tag und Nacht hatte er sich geopfert – ganze vier Wochen aber dann musste er aufgeben dann musste er einsehen, dass seine Mission aufgrund nicht vorhersehbarer Umstände gescheitert war. Es fiel ihm sicherlich nicht leicht doch dies war die einzig vernünftige Entscheidung. Die Entscheidung, die er in dieser Situation treffen musste – denn eines sollte klar sein, wenn ein Stern wie Harry an Leuchtkraft verliert dann liegt dies nicht an Harry, sondern am ihn umgebenden Universum, dass ihn zur Zeit seiner Entstehung nicht mit ausreichend Masse versorgt hatte.